»Weinerlebnisse: Reisen

Die Commanderie „on tour”

Im Allgemeinen reisen wir jedes zweite Jahr nach Bordeaux. Bei der Organisation der Reisen im Bordelais unterstützt uns der Grand Conseil de Vin de Bordeaux, Diese Hilfe öffnet uns manche Türe, die sonst eher verschlossen bliebe.

Die Reisen dauern etwa vier Tage, in denen wir auf jeweils 3 bis 4 Chateaux als Gäste empfangen werden... und oft als Freunde wieder gehen.

Diese gemeinsamen Reisen werden von den Teilnehmern selbst getragen. Niemand ist zur Teilnahme verpflichtet, aber wir freuen uns natürlich, wenn möglichst viele unserer Freundinnen und Freunde dabei sind.

Übrigens: Wir sind auch offen für Reisen in andere Weinbaugebiete - und sei es nur, um immer wieder unsere besondere Liebe zum Bordeaux-Wein auf den Prüfstein zu stellen.

Reise ins Napa Valley 29. April – 03. Mai 2012

Leider konnten an der diesjährigen Reise unserer Commanderie nur wenige Commandeure teilnehmen. Zudem wurde die Gruppe kurz vor Reiseantritt wegen des bedauerlichen Unfalls von Peter Ricken auf nur drei Commandeure mit Damen dezimiert. Trotzdem wurde diese Reise für alle Teilnehmer zu einem unvergesslichen Erlebnis.

Ablauf und Organisation der Reise waren dank des unglaublichen, persönlichen Engagements des ehemaligen Maîtres der CdB à San Francisco und Weinmachers in Napa, Brian Tench, perfekt! Ein Highlight folgte auf das Andere – das Niveau war unglaublich! Der Reiseablauf ist diesem kurzen Bericht am Ende beigefügt.

Nach Ankunft im Avia Hyatt Hotel in Napa am Sonntag, den 29. April wurden wir Montag früh von Brian Tench begrüßt und in eine Stretch-Limousine verfrachtet, mit der es zunächst unter Brians mehr als sachkundigen Kommentaren rund durchs Napa Valley ging.

Der erste Halt bei Beringer in St. Helena war bereits ein Highlight. Der ausführlichen Besichtigung des Kellers folgte ein „private Tasting“ im Rhine-House, bei dem einige sehr interessante Weine verkostet wurden. Beringer ist nach Krug der älteste Weinproduzent im Napa Valley. Beringer Vineyards wurde ein Jahr nach Ende des Bürgerkriegs im Jahr 1876 gegründet.

Anschließend ein Mittagessen im „CIA“ (Culinary Institute of America) im Greystone, in dem sich angehende Spitzenküchenchefs unterschiedliche, in Amerika hoch angesehene „Grades“ erkochen. Es folgte eine Probe bei Duckhorn, die auf der Terrasse in traumhaft schöner Umgebung stattfand. Duckhorn ist vor allem für seine ausgezeichneten Merlots bekannt.

Dunn Vineyards, Howell Mountains hinter Angwin, war danach auch von denen, die schon mal dort waren (Klaus Wiefels wurde vor Jahren dort von Randy Dunn mit der Flinte vertrieben…) schwer zu finden. Der Besuch lohnte allemal. Das Urgestein Randy Dunn empfing uns für seine Verhältnisse „herzlich“ und schenkte uns nach der Weinprobe einen 89er Howell Mountain Cabernet für unser Abendessen. Seine Philosophie des Kelterns unterscheidet sich grundlegend von fast allen Weinmachern im Napa: Dunn selektiert nicht groß, entrappt die Trauben auch nicht, sondern presst das gesamte Lesegut, um die gewünschte, intensive Tanninstruktur seiner Weine zu erreichen. Einfach geht es also auch - die Cabernets von Randy Dunn werden selten unter 90 Punkten bewertet.

Zurück im Tal, quer durch Napa Valley ging es anschließend über Rutherford zum renommierten Weingut Staglin’s Family. Dank Brian auch hier ein Empfang als gehörten wir zur Familie. Bereits bei Beringer war uns aufgefallen, dass sich die „heutigen“ Napa-Chardonnays deutlich von den „traditionellen“, stets fassbetonten Chardonnays unterschieden und mit Genuss zu trinken waren. Die Cabernets von Staglin sind ausgesprochen feine, intensive Weine mit unterschiedlichen Charakteren. Die stets sehr hoch bewerteten und teuren Weine verdanken ihre Qualität intensiver Pflege der Rebstöcke und aufwändiger Auslese bei und nach der Lese.

Der anschließende Empfang auf Brian Tenchs Weingut war herzlich. Wir genossen einen herrlichen Ausblick auf „Screaming Eagle“. Zum Abendessen in der „Auberge du Soleil“, am Osthang mit herrlichem Blick über das Napa Valley gelegen, spendierte Brian einige Jahrgänge seiner vorzüglichen Cabernets, die von Nickel & Nickel als Spitzen-Cuvee erzeugt werden.

Dienstagmorgen fand die heiß erwartete Probe by Shafer statt. Das Weingut wurde in den letzten Jahren komplett renoviert und umgebaut. Der herzliche Empfang durch John, das moderne, sehr geschmackvolle Ambiente, die herrliche Aussicht und die umfangreiche Weinprobe begeisterten uns alle. Krönung war natürlich der ’07er Hillside Select – ein großer Wein, der bereits jetzt mit Genuss zu trinken ist.

Das Mittagessen im „Hurley’s“ (Yountville) war sehr gut, das Restaurant ist empfehlenswert für jeden, der sehr gutes Essen zu fairen Preisen genießen möchte.

Der „lockerste“ Besuch der Tour war der bei Nickel & Nickel. Ein Weingut, dessen Ruf sich kontinuierlich bessert. Die Präsentation war originell, sehr witzig in freundschaftlicher Atmosphäre. Der Cabernet „Tench Vineyard“ war das Highlight der Probe.

Clos Pegase ist eine Reise wert. Nicht unbedingt wegen der dort produzierten, ordentlichen Weine sondern wegen der Winery, die als ein Gesamtkunstwerk gesehen werden muss. Jeder Liebhaber moderner Kunst kommt hier auf seine Kosten. Man wähnt sich eher in einer originellen Kunstgalerie als auf einem Weingut. Allein die Architektur des Gebäudes und des gesamten Weinkellers incl. eines kleinen Theaters sind beeindruckend.

Der Mittwoch begann mit dem Besuch bei Joseph Phelps, einem Weingut der absoluten Spitzenklasse. Auch hier wurden wir fast wie Familienmitglieder empfangen und mehr als vorzüglich vom Schweizer Jürg begleitet. Phelps produziert kaum Weine, die keine Spitzenwertung erzielen. Krönung ist der berühmte „Insignia“, dessen verprobter 2008er ein wahrer Genuss war. Leider wurde der rare Cabernet „Backus“ nicht verkostet, dafür jedoch ein ‚künstlicher’ Eiswein aus Scheurebe namens „Eisrébe“ – ein Süßwein, dessen Qualität und Ausgewogenheit uns alle überraschte.

Die auf den Besuch bei Phelps folgende Probe bei Groth Vinery unterstrich, dass es in Napa viele Aspiranten mit Weinen gibt, deren Weine regelmäßig mit mehr als 90 Parkerpunkten bewertet werden.

Zum anschließenden Lunch im empfehlenswerten „Brix“ genossen wir einen ausgezeichneten 2007er Silver Oak Cabernet aus dem Napa Valley – man gönnt sich ja sonst nichts…

Ein absolutes Highlight war der Besuch bei Dominus Estate. Christain Moueix ließ es sich nicht nehmen, uns persönlich zu begrüßen. Obwohl er einen Geschäftstermin hatte, nahm er sich die Zeit, uns den Rückschnitt seiner Reben in Napa ausführlich zu erklären. Peter durfte unter seiner persönlichen Anleitung eine Rebe „rupfen“ und ist nun auch hierbei absoluter Fachmann… Über die Weine „Dominus“ und „Napanook“ muss nicht viel gesagt werden. Napanook ist ein genialer Wein, Dominus schlicht Weltklasse. Die überaus kompetente Marketing Managerin Kassidy erklärte uns die phänomenale Architektur des Weinguts. Von außen unscheinbar, eher hässlich, stellt man fest, dass hier außen und innen ein luftiges und intelligentes, bis in kleinste Detail durchdachtes und elegantes Architekturkonzept verwirklicht wurde, das weltweit Seinesgleichen sucht.

Unser letzter Besuch führte uns Donnerstagmorgen zu Harlan Estate. Das Wetter war feucht und trüb, so dass die traumhafte Lage des Weinguts nicht angemessen zur Geltung kam. Leider konnte der Weinmacher Bob Levy uns nicht persönlich empfangen, er musste kurzfristig ins Krankenhaus. Die Führung durch die Marketingbeauftragte Kathryn geriet etwas zu ausführlich. Unsere Geduld zahlte sich jedoch aus, denn uns wurde als krönender Abschluss ein Stunden zuvor zweifach dekantierter 1999er Harlan Estate serviert, der ein einzigartiger Genuss war. Wenn man bedenkt, dass dieses Weingut erst in den achtziger Jahren angelegt wurde und 1992 der erste Jahrgang war, der in den Handel ging, ist es beeindruckend, dass es dieses Weingut mit seinem Anspruch absoluter Perfektion in allen Bereichen in weniger als 15 Jahren in die absolute Spitze in Napa und unter die Top-100 der Welt geschafft hat.

Das Gala-Diner mit der Commanderie de Bordeaux à San Francisco war ein Erlebnis. Im siebten Stock eines alten, etwas heruntergekommenen Gebäudes tat sich eine alt ehrwürdige, großzügige Location auf. Hier hält die Commanderie San Franciscos fast monatliche Treffen ab, deren Ablauf weniger an Weinproben als an Rotary Club Treffen erinnert. Von den über 70 Commandeuren nehmen meist 30 – 50 teil. Die Weine werden zu den Gängen passend serviert, und kurz vom Cellerier erklärt. Eine Bewertung findet nicht statt. Wir wurden sehr freundlich empfangen, genossen ein fünfgängiges, ansprechendes Menü an einer riesigen Tafel mit 40 Personen. Die Bordeaux-Wein-Begleitung war gut und passend. Interessant war, dass das Diner pünktlich um 19:00 Uhr begann und genauso pünktlich um 21:30 Uhr beendet war. Bereits um 21:45 Uhr waren alle Commandeure auf dem Heimweg…

Die Weinreise 2012 war ein außergewöhnliches Ereignis, voller Eindrücke und Erfahrungen, um die uns viele Weinliebhaber beneiden werden. Besonderer Dank gebührt vor allem Brian Tench, dem ehemaligen Maître des San Francisco Chapters der Commanderie, dessen persönliche Verbindungen ein außergewöhnliches Programm mit kostenlosen Weinproben der Spitzenklasse ermöglichten. Wir wurden in der Regel wie Fürsten oder Familienmitglieder empfangen. Wir haben Brian eingeladen, uns bei seinem nächsten Deutschlandaufenthalt in Düsseldorf zu besuchen, und würden ihm zu Ehren gern eine besondere Probe ausrichten.

DD